Verleihung des Bayerischen Theaterpreises  
   
  Verleihung des Bayerischen Theaterpreises am 28. November 2002 an das Metropoltheater

Anmoderation von Sabine Sauer:

Das Münchner Metropoltheater, meine sehr verehrten Damen und Herren, das Münchner Metropoltheater liegt in unmittelbarer Nachbarschaft des Bayerischen Fernsehens im Stadtteil Freimann. Nicht leicht mit so einer übermächtigen Konkurrenz, sozusagen auf Sichtweite zu existieren. Aber der Bayerische Rundfunk hat es geschafft zu überleben. Und dass, obwohl dieses kleine Theater unter der Leitung von Jochen Schölch wirklich nichts unversucht gelassen hat, um potentielle Fernsehzuschauer ins Theater zu locken. Mit den „drei Leben der Lucie Cabrol“ hat sich das Metropol endgültig in die erste Riege der Münchner Theater gespielt. Sieben Schauspieler in ungefähr dreißig verschiedenen Rollen und ein Mann, nämlich Gerd Lohmeyer, in der weiblichen Titelrolle der einsamen und verstoßenen Bauerstochter. Das muss man gesehen haben!
Das Münchner Metropoltheater erhält den Preis für ein herausragendes Theaterereignis, den Bayerischen Theaterpreis, heute aus den Händen eines Mannes, der sich um die Theaterkultur in ganz besonderer Weise verdient gemacht hat. Er ist mit ganzem Herzen, er ist mit Leib und mit Seele Theatermann und er ist der Präsident der Bayerischen Theaterakademie: Professor Hellmuth Matiasek.

Laudatio von Professor Hellmuth Matiasek, Präsident der Bayerischen Theaterakademie August Everding:

Wo gibt es ein Avantgarde-Theater, das sich so demonstrativ den modischen Effekten entzieht? Wo gibt es ein Privattheater, das trotz Finanznot und magerer Zuschüsse die Spurensuche nach literarischen Texten nicht aufgegeben hat? Wo, wenn nicht in München?

Auf dem Spielplan des Metropoltheaters steht ein Erfolgsstück ganz oben an, es heißt „Ensemblegeist“. Und es wird an vielen Theatern geprobt, aber kaum irgendwo so oft und so glücklich aufgeführt wie auf dieser kleinen Nudelbrettbühne in Freimann. Man zeigt „Die drei Leben der Lucie Cabrol“, dramatisiert nach einer Erzählung von John Berger, inszeniert von Jochen Schölch, dargestellt von einer kleinen Schauspielertruppe, die man zwar kennt, aber noch nie so gut gesehen hat, allen voran in einer Lebensschicksalsrolle der unverwechselbare Gerd Lohmeyer, eine Seele von einem Schauspieler, mit dem man mitlebt, mitfriert, mitleidet.

Der Regisseur macht unseren Blick frei für den Ursprung des Theaters: das magische Spiel mit den aller einfachsten Darstellungsmitteln. Er kommt aber nicht vom Kabuki-Theater, er heißt Jochen Schölch und nicht Peter Brook, aber das muss einem erst gesagt werden. Total unaufwendig werden da Bilder und ganze Lebensstationen von großer Tiefe suggeriert mit den aller simpelsten, alltäglichen Requisiten. Aufgepasst, Ihr lieben und teuren Bühnenausstatter, ein Tisch ist ein Tisch, und eine Schultafel, und eine Totenbahre, eine Lederjacke ist auch eine Schweinehaut, die dem vom Schauspieler verkörperten Tier abgezogen wird. Ich habe niemals eine Szene von größerer Grausamkeit gesehen. Vier Finger der Hand sind ein lebendiges Euter, der Milcheimer ist auch Kuhschädel oder Kuhglocke, Kleider werden zu Körperteilen, und dann wieder zu etwas ganz neuem. Es sind aber keine Gags, sondern tief berührende Metaphern. Alle spielen alles, Mensch und Tier, Beerenstrauch und Wind, Wetter und Landschaft.

Schölch bleibt inszenierend immer nah am Schauspieler, versammelt sie alle unter einem Ensemblemantel und verlangt ihnen ganz ungewöhnliches ab. Da ist aber keinerlei modischer Ehrgeiz dabei mit den üblichen Zeitgeist-Klischees, ein paar Monitoren auf der Bühne, Koffern, Hosenträgern und Sonnenbrillen bei den theaterfremden Medien abzustauben, nichts von der viel beschworenen Herausforderung, höchstens ein an dere Phantasie noch nicht erblindeter Zuschauer. So ist es nur folgerichtig, dass wir auch Jochen Schölch zum neuen Leiter der Schauspielklasse an die Bayerische Theaterakademie berufen haben.

Auf der Bühne des Metropoltheaters scheinen die Bretter zu zerbrechen unter der Last der gewaltigen Motive wie Schwangerschaft, Krieg, Geschwisterrivalität, das Elend der Lebensform Provinz. Den Darstellern gelingen Spannungsfelder von mythologischer Größe. So sind diese „Drei Leben der Lucie Cabrol“ zugleich ein Stück Welttheater, wenn wir darunter verstehen, dass existentielle Themen das Bühnengeschehen bestimmen. Geburt und Sterben, und die ganze menschliche Hilflosigkeit dazwischen, wenn das Leben sich als eine Rolle darstellt, das Schicksal als Drama und die Welt als eine Bühne. So wollten das bereits Shakespeare, Calderon und Hofmannsthal, und wir sollten dankbar sein, wenn eine zeitgenössische Bühne ihnen nachfolgt.

Das ist selten im heutigen Theaterdeutschland, wo das Zertrümmern der Bühnenklassiker und die teilweise sehr kreativen Attentate auf die Geduld der Zuschauer gesellschaftsfähig geworden sind, aber sein geradezu wundergläubiges Vertrauen in den Zauber des einfachen Spiels haben dem Münchner Metropoltheater die Kontinuität einer glücklichen Insel geschenkt.

Solchen jungen Theaterleuten, die ihre eigene Erinnerungskultur nicht denunzieren, die so aufrichtig neue Wege gehen, denen soll die Zukunft gehören.

Dankesworte von Jochen Schöch:

Vielen Dank. Für uns als Freies Theater ist es wirklich eine besondere Ehre, diesen Preis zu bekommen. Ich möchte ganz vor allem den Mitarbeitern des Theaters danken, die trotz erheblicher finanzieller Zwänge, trotzdem immer wieder unglaubliches leisten. Wir werden den Preis benutzen, um weiter Theater zu machen und hoffentlich wird darin ein Stück unserer Liebe zum Theater durchscheinen.

Vielen Dank.