Mittwinter

Mittwinter

von Zinnie Harris

Deutsch von Karen Witthuhn

Winter in einem unbenannten, kargen Ort am Ende eines langen Krieges. Es gibt keinerlei gesellschaftlichen Halt mehr, Nahrung und Ressourcen sind knapp, doch Maud hat einen Pferdekadaver gefunden, den sie hinter sich herzieht. Als sie auf einen alten Mann und dessen hungrigen Enkel trifft, zwingt sie ihnen einen Tausch auf: Das Pferd gegen den Jungen. Der Junge soll die Lücke füllen, die der Tod ihres eigenen Kinds hinterlassen hat - ein Verlust, den Maud verschweigt.

Kurz darauf erreicht die Nachricht vom Kriegsende den Ort und Mauds Mann Grenville kehrt nach 10-jähriger Abwesenheit zurück, wie alle Soldaten infiziert mit einem rätselhaften Virus, der ihn zu erblinden lassen droht. Er glaubt Mauds Geschichte zunächst, doch als der alte Mann wieder auftaucht und den Jungen zurückfordert, beginnt Mauds fragiles Konstrukt aus Lügen, Hoffnung und verzweifeltem Festhalten an einer "normalen" Familie einzustürzen und Grenville zu zweifeln: Ist der Junge wirklich sein Kind? Und ist Maud die Frau, für die sie sich ausgibt?

Im zweiten Teil ihrer Trilogie erzählt Zinnie Harris in der ihr eigenen, reduziert-klaren Sprache und in einem hochspannenden Handlungsbogen von einer kurzen Zeit des Friedens zwischen einem vergangenen und einem heraufziehenden, noch viel größeren Krieg. Was macht eine solche Bedrohung von außen mit jedem einzelnen Individuum, wie lange wirkt sie nach und wie weit in eine Gesellschaft, deren Identität und Moralvorstellungen hinein? Den langen Schatten von Angst und Entbehrung können die Figuren in "Mittwinter" nach Kriegsende nicht einfach ablegen - er haftet an allem und jedem, und Frieden ist hier kein hoffnungsvoller Zustand, sondern ein mühevolles, letztendlich unmögliches Ringen um Wahrheit, Menschlichkeit und das eigene Glück.


Regie Jochen Schölch Bühne Thomas Flach Kostüme Sanna Dembowski Licht Martin Hermann Maske Katinka Wischnewski Regieassistenz Mehrnoosh Matin Regiehospitanz Daniel Eckert Bühnenmalerei Mark Reindl Bühnenbau Alex Ketterer

Mit Michele Cuciuffo, Anna Graenzer, Paul Kaiser, Genija Rykova, Thomas Schrimm


Vorstellungsdauer ca. 1 Std. 50 Min. (keine Pause)

Hinweis
Bitte beachten Sie, dass in der Inszenierung ein Tierpräparat als Requisite verwendet wird.
Kein Tier kam für diese Produktion in irgendeiner Weise zu Schaden.


“Regisseur Jochen Schölch, sonst oft ein Meister des flirrenden Theaterzaubers, überzeugt diesmal mit düster-schwerer Poesie. Nichts wird hier breit ausgemalt, alles, die Szenerie, die Situationen, das Spiel (…), ist von bestechender Klarheit. Verhandelt wird dabei die existentielle Frage: Kann es ein richtiges Leben geben im falschen, also wahre Nähe und Mitmenschlichkeit, trotz erfundener Identitäten und Familienbande? Aber auch echten Frieden, in Zeiten, da dieser nur die Unterbrechung des kriegerischen Normalzustands zu sein scheint? Zinnie Harris macht diesbezüglich wenig Hoffnung auf eine positive Antwort, und setzt, überraschend, ans Ende doch, wie einen Lichtschimmer in mittwinterlicher Trübnis und Tristesse, ein utopisches Fragezeichen. Hier bildet es zugleich den Schlusspunkt eines fraglos glänzenden Theaterabends.” (Kultur heute, Deutschlandfunk)

“(…) die Inszenierung von Jochen Schölch ist sonst so klar in Bühnenbild, Licht und Klang - berührende Theaterkunst, eine Kulisse, vor der die körperliche Präsenz der Schauspieler zur Wucht wird.” (Süddeutsche Zeitung)

“Vor allem ist ‘Mittwinter’ das Stück der Stunde in Zeiten anschwellender Kriegsrhetorik, die allem Hohn spricht, was zur antimilitaristischen DNA einer geläuterten, demokratischen Bundesrepublik gehört." (Münchner Merkur)


Produktion und Veranstalter: GbR Flach u.a. “Mittwinter”
Aufführungsrechte: Rowohlt Theater Verlag

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